Folge 51
Im fünften und finalen Teil unserer Reihe zur Nachhaltigkeit geht es um ganz konkrete Erfolgsgeschichten, und zwar im Großen wie im Kleinen. Dr. Noemi Bender ist Leiterin der Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Klimaschutz am Universitätsklinikum Heidelberg, wo sie Treibhausgasbilanzen für das gesamte Klinikum erstellt und Nachhaltigkeitsstrategien für mehr als 20.000 Mitarbeiter:innen entwickelt. Dr. med. Sandra Seseke möglicherweise die erste niedergelassene Urologin in Deutschland, die eine CO2-Fußabdruck Erhebung für ihre Praxis durchgeführt hat. Sie hat z.B. festgestellt, dass die Hauptemissionsquellen in der Mobilität liegen und kleine Maßnahmen wie kompostierbare Handschuhe oder Recycling-Materialien bereits einen deutlichen Unterschied machen können. Als Klimahack im Klinikum, der sofort umsetzbar ist, empfiehlt Bender etwa die Abschaltung der Versorgung mit Narkosegas in den Operationsbereichen in nicht benötigten Zeiträumen. Eine Hausaufgabe für die DGU haben die Expertinnen auch noch: Die Fachgesellschaft solle Ihren Mitgliedern doch ein paar konkrete Vorschläge machen, wie diese ihren CO2-Abdruck in Klinik oder Praxis vermindern können.
UROlogisch!
Deutschlands Top-Urologen on air: DGU-Pressesprecher Prof. Dr. Christian Wülfing kennt sie (fast) alle und holt das „Who’s who der Urologie“ ans Mikro. Im neuen urotube-Podcast „UROlogisch!“ geht’s ums Fach – in Klinik und Praxis – und auch mal ums Persönliche. Der Podcast für die urologische Community erscheint in regelmäßiger Folge hier auf urotube, aber auch auf Spotify, Apple Podcasts und Deezer.
Transkript
Hinweis: Das Transkript ist mit KI erstellt und wurde von der Redaktion nicht bis ins letzte Detail geprüft. Wir übernehmen keine Verantwortung für etwaige Trankriptionsfehler. Auf den ersten Blick ist es aber zimelich akkurat.
Christian Wülfing: Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Hörerinnen und Hörern des urologischen Podcasts, hier spricht wieder Christian Wölfing aus Hamburg. Und ich begrüße Sie zu einer neuen Folge des Urologisch-Podcast und zwar in unserer Miniserie über die Nachhaltigkeit in der Urologie! Wir haben heute die fünfte Folge vor uns, die über Erfolgsgeschichten und Erfahrungen dienen soll, die uns das näher bringen soll und ich freue mich dass wir zwei tolle Gäste haben nämlich zum einen Frau Dr. Sandra Seeseke. Hallo liebe Sandra! Ich fange mit dir an.
Sandra Seseke: Grüß dich Christian!
Christian Wülfing: Sandra sag uns was machst du? Du bist Urologin so viel sei verraten.
Sandra Seseke: Genau ich bin niedergelassene Urologin in Halle an der Saale. Ich mache im Grunde das, was man so als Urologin macht in der Niederlassung und bin ansonsten ziemlich durch Zufall in dieser Nachhaltigkeitsgruppe geraten.
Christian Wülfing: Das ist super spannend, da freuen wir uns gleich auf deine Eindrücke aus der Praxis. Wir kennen uns jetzt auch seit zwei drei Jahren von diversen Symposien, deswegen sind wir beim Du, das glaube ich so völlig okay, und da freue ich mich auf unsere Diskussion. Und als zweiten Gast haben wir Frau Dr. Noemi Bender hier. Liebe Frau Bender, auch Sie, herzlich willkommen. Ich darf vorwegnehmen: Sie sind Leiterin der Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Klimaschutz am Universitätsklinikum Heidelberg, großartig.
Vielleicht darf ich mit der Einstiegsfrage starten: Haben eigentlich alle Universitätskliniken eine Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Klimaschutz? Und wenn ja oder nein, wie muss man sich ihre Arbeit und ihre Aufgabe so vorstellen?
Noemi Bender: Ja, hallo! Ich freue mich wirklich sehr hier zu sein. Ob alle Universitätskliniken mittlerweile eine Stabsstelle haben? Da bin ich mir gar nicht sicher. Ich glaube mittlerweile sind es die meisten. Wir waren nicht die Ersten, es gab ein paar, die hatten deutlich früher Stabsstellen, bei manchen wird das so mitgemacht, also da läuft das dann als Teil der Arbeitssicherheit, des Qualitätsmanagements oder was hatte ich letztens? Der Patientensicherheit. Genau, also manchmal verteilt sich das so ein bisschen bei den anderen Kliniken.
Christian Wülfing: Super spannend! Wir hatten hier im Podcast auch schon eine Kollegin von Ihnen letztendlich aus der Asklepios-Klinikgruppe, da gibt es das auch. Da darf ich noch mal auf unsere anderen Folgen an dieser Stelle verweisen, und das ist ja eigentlich der Einstieg jetzt in unser heutiges Thema, denn in den anderen Folgen, meine Damen und Herren, alle die, die schon reingehört haben, wissen es – wenn nicht, hören Sie mal rein: Wir haben da viel gesprochen über CO2-Fußabdrücke im urologischen Alltag, die Rolle der Digitalisierung und verschiedene andere Themen.
Heute wollen wir wirklich sprechen: Wo ist das denn schon im Alltag angekommen? Und wer könnte das besser beantworten als die Sandra Seeseke, die ja eben so schön eingestiegen ist mit dem Satz „Ich bin da irgendwie so reingerutscht“. Jetzt sind wir gespannt!
Sandra Seseke: Ja, wir haben uns in dieser Nachhaltigkeitsgruppe überlegt: Wo können wir denn ansetzen? Und dann ist es, denke ich, ganz sinnvoll, in einer Kleinheit anzusetzen, und das ist in dem Fall ja eine Praxis, da haben wir relativ viel Eingriffsmöglichkeiten. Das heißt, man kann versuchen, in der Praxis so Nachhaltigkeitsfragen zu klären bzw. wir haben unseren CO2-Fußabdruck dieser Praxis über ein Jahr erhoben. Das war ausgesprochen spannend. Man braucht dazu allerdings auch ein Team, das mitzieht, und das habe ich glücklicherweise.
Christian Wülfing: Darf ich mal fragen, wie es geht, einen CO2-Fußabdruck zu erheben? Es gibt ja – das habe ich mich auch gefragt – aber es gibt so Datenbanken bzw. einfach internetbasierte Lösungen, wo man seine Sachen, die dazugehören, einfach einspielen kann. Das ist nicht schwierig, mit anderen Worten?
Sandra Seseke: Nee, das ist nicht schwierig. Also es ist erst mal ein bisschen eine Fleißaufgabe wahrscheinlich. Genau, das Erstmalige, das Komplizierte war eigentlich nur die Quellen zu finden, das heißt, wo kriegt man die Informationen her? Wenn man das wusste, war es dann gar nicht mehr so umständlich. Also man kriegt seine seinen Wasserverbrauch vom Vermieter, seinen Gasverbrauch, das ist alles ganz, ganz einfach, eigentlich.
Christian Wülfing: Klingt total spannend und ich switche mal rüber zu der Frau Bender. Sie sind ja Stabsstelle Universitätsklinikum, also vermutlich ist Ihr Fokus noch ein bisschen ein anderer oder Sie müssen sowas … Was heißt müssen? Sie wollen und sollen sowas für ein Gesamtklinikum machen! Wie war denn Ihr Einstieg in das Thema? Wir wollten ja mal über auch Erfolgsgeschichten sprechen. Der Einstieg in das Thema, meinen Sie jetzt Treibhausgasbilanzierung oder Nachhaltigkeit insgesamt?
Noemi Bender: Zum Beispiel.
Christian Wülfing: Was genau ist denn eigentlich so Ihr Schwerpunkt da in Heidelberg? Gehen Sie in die Urologien und sagen „Herr Professor Huber, jetzt wollen wir mal Ihren CO2-Abdruck hier besprechen in der Urologie“ oder wie gehen Sie vor als Stabsstelle?
Noemi Bender: Als Stabsstelle? Da muss ich vielleicht ein bisschen ausholen, weil das Universitätsklinikum riesig ist. Wir haben 15.000 Mitarbeitende, wir haben acht Zentren, die über fünf Standorte verteilt sind, und wir in der Stabsstelle, wir sind zwei Personen, das heißt, wir gehen nicht zu jedem persönlich und verlangen dann eine Treibhausgasbilanz, sondern wir erstellen die für das Klinikum. Das heißt, wir erstellen sie aber auch für unsere Wäscherei, die Speiseversorgung und alles, was irgendwie mit so einem großen Universitätsklinikum zu tun hat, mit der Forschung.
Das ist sehr komplex, sehr aufwendig, und da ist zum Beispiel eine Frage der Systemgrenze: Wo zieht man da die Grenze? Welche Töchter zieht man mit? Ist die medizinische Fakultät Teil davon oder eher nicht? Genau, aber es ist nur eine Aufgabe, die bei uns in der Stabsstelle anfällt, nämlich die Treibhausgasbilanzierung und die Nachhaltigkeitsberichte. Wir haben aber ja noch viele andere Aspekte, die wir betreuen, und bei uns ist es so: Wir koordinieren das Ganze eher, also wir können gar nicht die operative Umsetzung machen, weil wir dafür nicht alle erreichen.
Aber das heißt, es ist so diese strategische, koordinative Ebene, die wir bedienen. Also wir haben eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt, wie gesagt, wir machen die Berichte und die Treibhausgasbilanzen, wir überlegen uns auch, wie man die Nachhaltigkeit strukturell verankern kann im Klinikum. Dann sind zwei weitere Aspekte: die Maßnahmenumsetzung und die Sensibilisierung. Das sind so die großen Punkte bei uns.
Christian Wülfing: Darf ich eine Verständnisfrage stellen? Sie sprechen von der Treibhausgasbilanzierung. Ist das das Synonym zum CO2-Abdruck?
Noemi Bender: Ja genau, weil es ist ja nicht alles CO2. Beispielsweise in einem Klinikum benutzen wir Anästhesiegase, Narkosegase, und die sind Treibhausgase, oder in den Klimaanlagen die Kältemittel sind Treibhausgase, die direkt in die Atmosphäre gehen. Und die rechnet man bei einer Treibhausgasbilanz um in CO2-Äquivalente, damit man dann die CO2-Äquivalente in der Treibhausgasbilanz berichten kann.
Christian Wülfing: Seht Sie, da habe ich schon wieder was gelernt und das klingt sehr einleuchtend. Aber man darf den Begriff CO2-Fußabdruck benutzen? Das ist irgendwie so gängig geworden. Ich habe so das Gefühl, diesen Begriff gab es vor mehreren Jahren irgendwie gefühlt noch gar nicht so. Inzwischen ist zumindest der Begriff angekommen – ob jetzt jeder seinen CO2-Abdruck kennt? Da haben wir gerade drüber gesprochen.
Sandra Seeseke, in eurer Praxis – vielleicht auch noch mal die kurze Überleitung: Also, ich habe verstanden, ihr habt damit angefangen, mal den Fußabdruck zu machen. So, und jetzt kommt da eine Ist-Zahl raus und dann…
Sandra Seseke: Ja genau, das war auch das, wo ich mich dann gefragt habe: Na ja, was bedeutet das jetzt? Also wir haben eine Emission von 16 Tonnen.
Christian Wülfing: Wie als Praxis?
Sandra Seseke: Genau, wie als Praxis.
Christian Wülfing: Oh, ja ganz genau, also im Jahr 2024 da haben wir das gemacht oder 2025.
Sandra Seseke: Genau, und dann fragt man sich natürlich: Was heißt das jetzt, was sagt mir das jetzt? Das war schwierig einzuordnen, weil wir die erste Praxis waren, die das gemacht haben, und noch keinen Vergleich hatten.
Christian Wülfing: Frau Bender, würden Sie sagen, es ist viel oder wenig? Ich bin ja in dem Vorteil, dass ich Sie sehen kann und sehe ein gewisses Lächeln. Ich glaube, Sie wollen was sagen!
Noemi Bender: Wir sind natürlich ein bisschen größer. Ja, also im Jahr 2020 war es bei uns 230.000 Tonnen, wobei man dazu sagen muss: Die ganzen Dinge, die wir einkaufen – also vom Stift über den Blasendauerkatheter bis hin zum MRT –, können wir nicht im direkten, in der direkten Bilanz abbilden, sondern das machen wir mit einem Spend-Based-Ansatz. Das heißt, wir nehmen den Preis, und da gibt es für bestimmte Kategorien dann Umrechnungsfaktoren, was das alles so ein bisschen ungenau macht, aber trotzdem die Relationen…
Christian Wülfing: Die spannende Frage ist ja – und damit frage ich auch die Sandra Seeseke noch mal –, die spannende auch, wie gesagt, wir wollen ja ein bisschen, glaube ich, mit dieser Idee was anstoßen: Also wird es zum Beispiel in der Urologie demnächst ein Benchmarking geben? Welche Praxis hat welchen Ausstoß oder Fußabdruck? Oder wohin soll’s gehen? Auch: Wie habt ihr es gemacht? Wie habt ihr dann daraus Konsequenzen gezogen und gesagt, das ist zu hoch, das ist zu niedrig – wie ging das?
Sandra Seseke: Also, wir haben zum Schluss von der Datenbank, in die wir eingespeist haben, eine ganz genaue Auswertung bekommen, um zu gucken: Was sind unsere Hauptemissionsquellen? Und dann gab es immer noch Vorschläge: Was kann man tun? Das war teilweise praktisch umsetzbar, teilweise nicht. Natürlich kann man das Praxisauto auf Elektromobilität umstellen oder einen Anreiz setzen für die Mitarbeiter, dass sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen – großes Problem, weil das teilweise nicht gut ausgebaut ist, wenn man aus einer ländlichen Gegend kommt und so.
Aber man kriegt im Grunde die Top 5 der Hauptemissionsquellen, und interessanterweise hat der Bernd Wullich das in Erlangen auch gemacht, und die haben für dieses Klinikum im Grunde die gleiche Reihenfolge, natürlich mit einem viel höheren Wert. Aber auch da spielt die Mobilität eine ganz große Rolle. Ja, wir können keinen Chemomüll verhindern, wir können keine Wasserfilter dran machen, um Wasser zu sparen – in einer urologischen Praxis geht das nicht, da wären wir verrückt, fließen auch.
Aber es gibt so ein paar Sachen, die man machen kann. Man kann zum Beispiel – habe ich gelernt – kompostierbare Einmalhandschuhe [kaufen]. Die sind nicht teurer, muss man ja auch überlegen, denn man kann jetzt nicht ganz viel mehr Geld ausgeben, zumindest ist das sicherlich für die Praxen kein Reiz, umweltfreundliche Materialien einzukaufen, aber da gibt’s ganz kleine Sachen, die man machen kann. Wie gesagt, diese kompostierbaren Handschuhe sind nicht viel teurer, das haben wir jetzt gemacht, z.B. Ja, oder so kleine Dinge. Alles was geht auf Recycling umgestellt – da habe ich mir vorher gar keine Gedanken drüber gemacht. Also es geht, es wird nicht viel. Bei diesem kleinen CO2-Ausstoß wird das nicht viel machen, aber irgendwo müssen wir anfangen.
Christian Wülfing: Und darf ich fragen, wie oft kontrolliert man dann den CO2-Abdruck, ob er jetzt besser geworden ist? Macht man das einmal im Jahr oder wöchentlich oder gibt es das automatisch?
Sandra Seseke: Das ist wie eine Steuererklärung, also diese Datenbanken laufen so auf Jahresbasis. Man lässt in dem Fall dann die ganzen Daten eingeben, wenn man erst mal die Quellen identifiziert hat. Das ist relativ einfach, und wir wollen jetzt, nachdem wir ein paar Sachen geändert haben, das für 2026 da noch mal machen, wo wir ein bisschen mit offeneren Augen durch die ganze Sache laufen. Da bin ich gespannt, aber das geht erst Ende des Jahres, oder man hat ein ganzes Jahr Daten gesammelt dann erst mal oder eingegeben.
Christian Wülfing: Ich will eine Frage stellen, die leitet es ein bisschen über auch vielleicht jetzt noch mal an die Frau Dr. Bender. Ich höre so ein bisschen raus bei euch in der Praxis, du sprichst immer von „wir“, also das ist auch sicher ein Team-Thema, und ich meine zu spüren, dass man so… ich habe echt gerade schon mal kurz dran gedacht, warum ich das nicht bei mir im Team auch mal mache? Ich glaube, da ist sowas in Teams unheimlich viel bewegt. Es ist ja nicht nur ein modernes Thema, was irgendwie aufgedrückt wird, sondern da ist glaube ich viel Bereitschaft, sich zu engagieren.
Und Frau Bender, an Sie wollte ich mal die Frage stellen: Man spricht ja manchmal auch von den sogenannten Co-Benefits, also man kommt so aus so Einzelideen und merkt plötzlich, dass durch die Einführung irgendwelcher Projekte oder Veränderungen ganz andere Dinge sich ergeben – bessere Abläufe, mehr Zufriedenheit im Team. Oder ist da noch bisschen die Frage mal an Sie mit dem Fokus des Großklinikums: Gibt es denn bei Ihnen vielleicht auch Maßnahmen, die aus dem Dezentralen kamen, also aus einzelnen Abteilungen oder sowas, wo Sie gemerkt haben, das entwickelt sich nicht nur für das ganze Haus und den ganzen Klinikum so, sondern ergibt auch ganz andere Co-Benefits im Bereich der Kommunikation oder der Teamzufriedenheit oder sowas? Ist das, was Sie auch feststellen?
Noemi Bender: Also wir nutzen die Co-Benefits häufig, weil ohne die Co-Benefits erreichen wir oft nur die, die schon überzeugt sind. Und für alle anderen sind sie so ein bisschen der Türöffner. Das heißt, um diejenigen zu erreichen, bei denen Nachhaltigkeit vielleicht ein bisschen negativ besetzt ist oder die die eigene Verantwortung nicht sehen, sind diese Co-Benefits super wichtig. Und da geht es dann um Dinge wie gesundheitliche Vorteile – also jetzt beispielsweise Mobilität und das Radfahren – oder Dinge, die den Arbeitsalltag erleichtern, oder auch finanzielle Vorteile. Das sieht man hier auch, da haben wir ein paar Beispiele, wo sich das auch finanziell lohnt, wenn man so eine Maßnahme umsetzt. Und das ist dann für manche noch greifbarer und damit kann man die schneller überzeugen.
Deshalb kommunizieren wir sie nicht unbedingt, um Nachhaltigkeit zu beschönigen, sondern weil sie wirklich real da sind, genau, und weil Nachhaltigkeitsprojekte damit oft zwei Probleme auf einmal lösen.
Christian Wülfing: Ich kann mir vorstellen bei den Co-Benefits, dass in der Praxis – so höre ich ein bisschen die Stimmung bei euch – das hat wahrscheinlich im Team gleich viel Spaß gemacht und es gab ein Hurra oder wie war das? Weil ist ja auch klar, was als nächstes kommt für eine Frage: Wie ist das eigentlich mit den Widerständen? Vielleicht magst du noch mal dazu kommentieren und dann komme ich noch mal zu Frau Bender zurück.
Sandra Seseke: Ja, also das kann man natürlich gegen den Widerstand des Teams nicht durchsetzen. Aber unsere Helferinnen waren extrem motiviert, sowieso extrem interessiert. Wir haben da vorher schon viele Sachen etabliert gehabt und sind jetzt natürlich ein bisschen… Also es gibt jetzt eine kleine Battle gegen uns selbst: Wenn jetzt unsere Helferin, die den weitesten Weg hat, die fährt jetzt immer mal Fahrrad – ja, dadurch haben wir da so und so viel weniger Ausstoß. Und sie freut sich natürlich, dass sie sich bewegt. Also man kann das nicht alleine machen, das steht mal fest, und wir haben aber ein richtig, richtig tolles Team, alle sind hellauf begeistert und sind damit, sonst geht es auch nicht. Also dann kann sich keiner glaube ich allein drum kümmern, selbst in so einer kleinen Einheit.
Christian Wülfing: Jetzt bin ich aber gespannt, Frau Bender, Hand aufs Herz: Wie ist es am Großklinikum? Ich meine, machen wir uns nichts vor, das sind ja Projekte, die bestimmt auch auf Widerstand stoßen. Oder was ist da so? Was hören Sie an Sätzen, die sich wiederholen, wenn es um Veränderung dieser Art geht? Weil, wie gesagt, auf den ersten Blick klingt das alles cool, aber im Großklinikum ist es glaube ich noch mal viel differenzierter und komplexer.
Noemi Bender: Schon, ja, also damit jetzt nicht der falsche Eindruck entsteht: Also wir haben in vielen Bereichen hochmotivierte Teams, die sich dafür einsetzen und ganz selbstständig an solchen Dingen arbeiten. Da ist beispielsweise das Green-Surgery-UKHD-Projekt, wo die Leute, die im OP stehen, einfach diese riesen Mengen an Müll sehen und da super motiviert sind, diese Müllmengen zu reduzieren.
Das heißt, und dem gegenüber – also diesen wirklich vielen und motivierten Leuten gegenüber – haben wir natürlich auch Widerstände. Keine offenen Widerstände, das ist wirklich selten, weil den meisten ist bewusst, dass sich was ändern muss. Was uns aber durchaus begegnet, ist so eine Art stilles Abwarten, oder vielleicht kann man es auch Ghosting nennen? Wir stellen Anfrage oder wir machen einen Vorschlag, und erst mal kommt keine Rückmeldung. Und das ist viel schwieriger als ein offener Widerstand, weil bei einem offenen Widerstand, da kann man dann erklären oder sich zusammensetzen und in den Austausch gehen, aber da weiß man ja nicht: Ist es jetzt wirklich Widerstand? Oder ist es nur massiver Zeitmangel? Weil viele Leute hier einfach so viel auf dem Tisch haben.
Das heißt, bei uns hilft da vor allem dranbleiben. Und der zweite Widerstand, den wir so ein bisschen haben, sind finanzielle Gründe. Also, ich meine, das ist kein Geheimnis, die wirtschaftliche Situation in den Krankenhäusern ist angespannt. Das heißt, Projekte, wo jetzt irgendwie große Investitionen notwendig sind, geht momentan einfach nicht. Wir können ja auch nicht unsere Preise erhöhen, einfach mal so, um irgendwie den Spielraum zu bekommen. Das heißt, was wir machen: Wir konzentrieren uns auf Projekte, die irgendwie schnell umsetzbar sind, vor allem, die günstig sind, die idealerweise auch noch einen finanziellen Benefit haben, und dann gucken wir auch nach Fördermöglichkeiten. Also ein gutes Beispiel ist unser Fuhrpark, wir haben einen großen Fuhrpark mit vielen Transportern, und da konnten wir jetzt den dritten E-Lkw anschaffen, der Waren in die verschiedenen Standorte transportiert, und mit der Landesförderung amortisiert er sich in ein paar Jahren, ich glaube vier, fünf oder so.
Christian Wülfing: Sie haben gerade gesagt – und das wäre meine vorletzte Frage an Sie beide, weil wir schon wieder gleich am Ende dieses wunderbaren Podcasts sind –, Sie haben eben von den schnell umsetzbaren Projekten gesprochen, und meine Frage an die beiden wäre: Was wäre denn Ihr Shoutout, also Ihr sozusagen Ihr Aufruf in die Community, die uns zuhört? Vielleicht zunächst Sie noch mal, Frau Bender, an alle, die in den Kliniken arbeiten: Was sind denn schnell umsetzbare Projekte, auf die wir achten könnten, die wir schnell überall machen können, bevor erst großartig in der Trägerschaft der Krankenhäuser erst noch eine Stabsstelle eröffnet werden muss? Also, was, womit soll ich morgen anfangen?
Noemi Bender: Mir fällt jetzt spontan ein Projekt ein, das ist aber auch auf den OP- oder den Anästhesiebereich bezogen. Und zwar: Narkosegasabschaltung, sagt Ihnen was? Stimmt also! Genau, da werden die Narkosegase abgesaugt, da wird ein Unterdruck generiert, um sie abzusaugen, und das braucht enorm viel Strom, und das muss ja nicht laufen, wenn die OP nicht läuft. Und das hat bei uns Professor Neuhaus so ein bisschen angestoßen: diese Narkosegasabsaugung abzuschalten über Nacht oder an Wochenenden. Die läuft dann zwar noch in ein paar Notfallsälen, aber im Rest wird die abgeschaltet, und dann haben die Absaugschläuche so einen roten Wimpel, wo drauf steht „Connect Before Flight“, damit man daran erinnert wird, bevor es losgeht, rechtzeitig die dann auch wieder einzustecken – kostet nichts.
Das lässt sich super einfach umsetzen, das hat auch wieder ein Co-Benefit, nämlich es spart Strom, also Kosten, und lässt sich an jedem Klinikum umsetzen, das einen OP hat.
Christian Wülfing: Also, ich werde mit gutem Beispiel vorangehen. Ich habe hier gleich Chefarztsitzungen und werde das direkt zu meinem Anästhesisten tragen. Ich selber weiß gar nicht, wovon Sie reden, aber ich werde den fragen und empfehle allen Hörerinnen und Hörern, die mit Anästhesisten zu tun haben, das auch zu tun. Dann haben wir hier schon mal was bewirkt.
Jetzt du, Sandra! Was ist dein Shoutout zu den urologischen Praxen? Was können die schnell ab morgen umsetzen?
Sandra Seseke: Das ist eine ganz schwierige Frage, weil wir ja die ganz kleinen Rädchen haben, an denen wir drehen können.
Christian Wülfing: Bist du auch gut?
Sandra Seseke: Aber in der hohen Zahl! Ihr seid viereinhalbtausend glaube ich niedergelassene, wir sind weniger Kliniken und so.
Christian Wülfing: Ich glaube, es ist ein Mengeneffekt, oder Bender? Müssten wir sagen auch, ne, dann lasst das doch? Die kleinen Dinge sind glaube ich schon auch wichtig.
Sandra Seseke: Nee, nee, auch klein viel machen, müsst ihr. Ich glaube, dass das Wertvollste ist, sich Gedanken zu machen, sich damit zu beschäftigen, und dann fällt einem was ein. Und wenn es nur ein ganz kleines Ding ist wie auf Recyclingmaterial umstellen oder nicht mehr so viel drucken, einfach elektronischer werden – das macht schon wirklich viel aus. Das geht auch nicht darum, dass die Praxen sich untereinander vergleichen, das geht gar nicht, weil die Spektren unterschiedlich sind, sondern dass man so ein bisschen bei sich guckt.
Christian Wülfing: Also bei euch in Richtung Praxen ist es nicht so sehr das konkrete Beispiel oder der konkrete Auftrag „macht das und das ab morgen“, sondern eher die Sensibilität dafür stärken. Vielleicht auch mal auf die Internetseite gucken, wie man seinen CO2-Abdruck für eine Praxis macht, und damit einfach etwas anstoßen. Habe ich das so richtig wiedergegeben?
Sandra Seseke: Ganz genau, so würde ich es tragen.
Christian Wülfing: Jetzt mache ich noch einen Vorschlag oder vielleicht auch eine Frage an Sie Verbände, ob Sie da Daten zu haben oder das Wissen: Gehen im Universitätsklinikum Heidelberg nachts alle Monitore aus, die nicht benutzt werden? Weil, das habe ich hier öfter, dass man, wenn man so im Dunkeln – jetzt zum Glück bleibt es ja länger hell, da sieht man’s nicht, aber im Dunkeln – das Klinikum verlässt und dann sehen Sie von außen in vielen Bereichen Bildschirme flimmern, und Sie können sicher sein, da sind keine Menschen, die daran arbeiten.
Noemi Bender: Manche arbeiten im Dunkeln am Bildschirm.
Christian Wülfing: Okay, aber was ist damit? Kann man nicht in allen Krankenhäusern Deutschlands ab morgen ein System haben, dass jeder seinen Monitor ausmacht, wenn er nicht dran arbeitet? Und was würde das bringen? Geht es in die richtige Richtung oder nicht?
Noemi Bender: Da würde ich jetzt bei uns in der IT nachfragen müssen. Also, wir haben Bildschirme, die von selbst ausgehen, wir haben aber auch Bildschirme, in die der PC integriert ist, damit man nicht mehr so einen großen Tower-PC hat, um Ressourcen zu schonen. Also die Idee dahinter ist schon, Ressourcen zu schonen, aber die Bildschirme bleiben, soweit ich weiß, an. Ist vielleicht am Ende auch gar nicht so entscheidend? Keine Ahnung, wie viel das an Energie verbraucht, bei den modernen Systemen…
Christian Wülfing: Kein großer Entdeckverbrauch. Aber trotzdem, wie gesagt, Kleinvieh macht auch Mist, also ich halte schon die Leute an: Licht aus, PC aus, nicht nur die großen sind… Und vermutlich ist wirklich auch der rote Faden dieses Podcastes – und das merke ich so am Ende der fünften Folge – am Ende geht es vielleicht wirklich viel um das Bewusstsein in allererster Linie, und der Rest folgt dann.
Abschlussfrage für Sie beide, die wir hier immer gemacht haben: Nämlich, wir mögen ja Rezepte ausstellen in der Medizin, und da geht es ein bisschen um die Frage: Was wäre denn eigentlich das Nachhaltigkeitsrezept für die Urologie? Was würden Sie darauf schreiben, liebe Sandra, liebe Frau Bender?
Noemi Bender: Also ich würde mir wünschen – oder ich würde das Rezept… als Nachhaltigkeitsmanagerin würde ich das Rezept ausstellen, dass die Deutsche Gesellschaft für Urologie eine Leitlinie oder mehrere Leitlinien oder Positionspapiere mit konkreten Handlungsempfehlungen aussprechen soll. Weil das, was wir als Nachhaltigkeitsmanagerinnen machen können, ist, dass wir relativ allgemeine Tipps geben können, aber oft kommen aus den klinischen Bereichen spezifische Fragen an uns, und wir können nicht in allen klinischen Bereichen Experten werden, und dafür brauchen wir Leitlinien oder eben Positionspapiere der Gesellschaften. Das geht jetzt nicht nur an die Gesellschaft der Urologie, die würden uns enorm helfen, weil damit können wir dann die unterstützen, die ihren Alltag nachhaltiger gestalten wollen.
Christian Wülfing: Und bevor ich jetzt die Sandra Seseke höre mit ihrem Rezept, möchte ich das einmal kommentieren: Frau Bender, ist es nicht großartig, dass die Deutsche Gesellschaft für Urologie diesen Arbeitskreis hat, der sich darum kümmert und auch so einen tollen Podcast, der das mal thematisiert? Perfekt, genau.
Noemi Bender: Aber neben diesen schon existierenden Dingen müssen wir noch Verschriftlichungen mit Konsensuspapieren und Leitlinien machen.
Christian Wülfing: So, Sandra, jetzt bin ich gespannt! Dein Rezept an uns alle.
Sandra Seseke: Ich kommentiere noch ganz kurz das vorher, dann bringe ich nur ein Satz. Also diese Richtlinien, Leitlinien, die sollen entstehen, weil dieser – diese AG Nachhaltigkeit ist ja nicht nur da, damit wir uns schön treffen und uns alle unterhalten, sondern das ist genauso ein konkreter Plan oder ein konkretes Ergebnis, das das haben soll.
Das Rezept wäre: Wir sollten loslaufen. Wir sollten starten, jeder in seinen Möglichkeiten, ohne ganz groß zu denken, die Welt zu verändern, aber wenn jeder ein bisschen guckt, dann funktioniert es. Ich glaube, das reicht, wenn man dafür sensibilisiert. Richtig, junge Leute sind da ja sowieso viel weiter in ihrem Denken oder sind deutlich schneller motivierbar.
Christian Wülfing: Ich sehe heftiges Nicken bei der Frau Dr. Bender und bei mir natürlich auch, ich finde es eine tolle Sache! Ich bin wirklich jetzt am Ende dieser Podcast-Reihe, liebe Hörerinnen und Hörern, doch relativ, muss ich sagen, beglückt. Finde es ein super Thema, ich fühle mich selbst da auch weiter neugierig gemacht, und ich glaube, das ist schon mal was für den Anfang.
Also an Sie alle: Vielen Dank fürs Zuhören! Bitte schalten Sie auch in die anderen Podcast-Folgen ein. Empfehlen Sie uns weiter… Ich glaube, dass dieser Podcast, der sonst immer sehr urologisch ist – so heißt er ja auch –, schon auch etwas ist, was fachübergreifend unter Umständen auch mal verteilt werden könnte. Das dürfen Sie gerne machen, also nicht urologische Kolleginnen und Kollegen dürfen sich das anhören!
Und dann bedanke ich mich ganz herzlich bei Sandra Seseke aus Halle und bei Noemi Bender aus Heidelberg. Vielen, vielen Dank, dass ihr heute dabei wart und uns diese tollen und sehr auch praktisch relevanten Einblicke gegeben habt. Herzlichen Dank!
Sandra Seseke: Sehr gerne, vielen Dank.
Noemi Bender: Danke auch von unserer Seite.
Christian Wülfing: Nochmals vielen Dank in unsere Hörerinnen und Hörern, und wir freuen uns, wenn Sie einschalten und auch demnächst vielleicht wieder neue Folgen des urologischen Podcasts, wo es um die Urologie geht, einschalten. Herzlich hier Grüße aus Hamburg.