23. April 2020 09:30 Uhr

Highlights vom Kongress des Dachverbandes Reproduktionsbiologie und –medizin (DVR)

Reproduktion im Spannungsfeld von Medizin und Gesellschaft – unter diesem Motto stand im Dezember der 8. Kongress des Dachverbandes Reproduktionsbiologie und –medizin. Zu den Highlights des Kongresses sprachen wir mit der Kongresspräsidentin Frau Prof. Herkommer vom Klinikum rechts der Isar der TU München.

Welche Rolle spielt der Androloge bei der Behandlung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch?

Soll bei einem Paar mit unerfülltem Kinderwunsch ein Verfahren der assistierten Reproduktion zum Einsatz kommen, sollten grundsätzlich Ärzte mit der Zusatzbezeichnung „Andrologie“ in die Diagnostik und Therapie mit einbezogen werden. Der Androloge untersucht den Samenzellen spendenden Mann im Hinblick auf seinen Gesundheitszustand und Fertilitätsstatus und erfasst gegebenenfalls Kontraindikationen gegen eine Samenspende. Zur Untersuchung gehören die Eigen-, Familien- und Paaranamnese einschließlich einer Sexualanamnese, eine körperliche Untersuchung, eine Ejakulatanalyse gemäß Rili-BÄK und bei sich ergebender Indikation eine Sonographie der Skrotalorgane sowie hormonelle und zyto- bzw. molekulargenetische Tests. Behandelbare Störungen müssen therapiert werden, ehe die Indikation für eine Insemination, IVF, ICSI oder TESE/ICSI gestellt werden kann.

Die Kryokonservierung von Ei-, Samen- oder Keimzellen zum Erhalt der Fruchtbarkeit nach einer Krebserkrankung ist gerade bei jungen Patienten eine wichtige, jedoch teure Maßnahme. Wie kann dies künftig finanziert werden?

Durch das Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) sind die Krankenkassen verpflichtet, das Einfrieren von Ei- und Samenzellen junger Krebspatientinnen und -patienten in Zukunft zu bezahlen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat in seinen Richtlinien nun die medizinischen Einzelheiten zu Voraussetzungen, Art und Umfang der Kryokonservierung von Ei- oder Samenzellen oder Keimzellen zu bestimmen.

Im Juli 2019 hat der G-BA das Beratungsverfahren zur Anpassung der Richtlinien über ärztliche Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung an die gesetzlichen Änderungen „Anspruch auf Kryokonservierung von Ei- oder Samenzellen oder von Keimzellgewebe und die dazu gehörigen Maßnahmen“ eingeleitet. Bis Februar 2020 soll ein Beschluss gefasst werden.

Ein neuer Spermientest könnte bereits zu Beginn der Kinderwunschbehandlung diejenigen Männer identifizieren, deren Samenzellen auf natürlichem Weg nicht fähig sind, eine Eizelle zu befruchten – obwohl sämtliche Kennzeichen der Spermien völlig normal sind. Was hat es damit auf sich?

Der relativ einfache Schnelltest könnte betroffenen Paaren in Zukunft langwierige, frustrierende Versuche ersparen, vom „Verkehr zum optimalen Zeitpunkt“, über Inseminationen bis hin zur In-vitro-Fertilisation zum Erfolg zu kommen. Bei den betroffenen Männern ist lediglich ein kleines Detail, ein Ionenkanal in der Zellmembran, gestört. Bei diesem Defekt hilft es nur, ein Spermium direkt in die Eizelle zu injizieren (ICSI).

Der Test wurde von einem Team der Universität Münster um Professor Timo Strünker entwickelt. Er wird derzeit noch erprobt und wurde im Dezember im Rahmen des DVR-Kongresses in Leipzig erstmals vorgestellt.

Nach den Pilotexperimenten könnten bis zu 1% der Männer aus der Kinderwunsch-Sprechstunde betroffen sein, in der Untergruppe mit „unerklärlicher“ Sterilität möglicherweise mehr. Die Häufigkeit wird derzeit an größeren Patientenzahlen geprüft. Strünker geht davon aus, dass der Defekt in den allermeisten Fällen genetisch bedingt ist und alle Samenzellen betroffen sind.

Mit dem Test wird überprüft, ob ein bestimmter – ausschließlich auf Samenzellen vorhandener - Ionenkanal (CatSper) aktiv ist. Der CatSper-Kanal wird durch das weibliche Sexualhormon Progesteron geöffnet, das von der Eizelle ausgeschüttet wird. Dadurch strömen Kalziumionen in das Spermium und wirken auf dessen „molekularen Motor“ an. Quasi wie mit Turbo-Antrieb kann die Samenzelle dann die Hülle der Eizelle selbständig durchbrechen. Ist der Kanal defekt, gelingt dies nicht, es findet keine Befruchtung statt.

Kinderwunsch-Paaren, bei denen der Mann an einem CatSper-Defekt leidet, bleibt nur der Weg, das Hindernis zu umgehen und die Samenzelle unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle einzubringen. Mit dieser Hilfestellung - als IntraCytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI) bezeichnet – gelingt den „defekten“ Samenzellen die Befruchtung und es kann zu einer Schwangerschaft kommen.

Der Schnelltest liefert innerhalb von 30 Minuten ein Ergebnis. Notwendig ist lediglich eine kleine Menge Ejakulat und zwei Testlösungen. Die Bewertung erfolgt mittels Mikroskopie, das in urologischen, andrologischen und reproduktionsmedizinischen Praxen zum Standard zählt. Der Test ist zum Patent angemeldet. Die Ergebnisse der Pilotstudie sollen 2020 veröffentlicht werden.

Eine Samenspende kann bei ungewollt kinderlosen Paaren zum Einsatz kommen, wenn der Mann unfruchtbar ist und keine befruchtungsfähigen Spermien produziert. Was hat sich mit der Einführung des Samenspenderregistergesetzes im Jahr 2018 geändert?

Samenspenden sind heute weitaus sicherer als früher. Die Nachkommen von Paaren, die mit Hilfe von Fremdsamen gezeugt wurden, können über ein zentrales Register Informationen zum Spender abfragen.

Möglich wurde diese hohe Sicherheit durch das SamenspenderRegisterGesetz im Jahr 2018. Seitdem werden im Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information die Daten zum genetischen Vater gespeichert. Sie sind für Nachkommen ab dem 16. Lebensjahr abrufbar. Seit Juli 2018 wurden dort mehrere Hundert Fälle registriert. Für die Zeit vor dieser verpflichtenden Dokumentation der Samenspende im medizinischen System existieren nur Schätzungen zur Häufigkeit dieser Maßnahme: zwischen 1.000 und 1.200 Kinder jährlich.  Die Samenspender müssen detaillierte Untersuchungen zu Gesundheitsstatus, potentiellen Infektions-Krankheiten und Fruchtbarkeit vornehmen lassen. (AnS)

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